Watt-basierte Intervalle sind im Radbereich längst etabliert – und mit Laufleistungsmessern wie Stryd oder GPS‑Laufuhren mit Leistungsanzeige lassen sich dieselben Prinzipien auch im Laufen nutzen. In den letzten Jahren habe ich viel experimentiert, um Wattintervalle so zu dosieren, dass sowohl die Kadenz als auch die anaerobe Kapazität gleichzeitig zunehmen. In diesem Artikel teile ich meine Praxis: wie ich Sitzungen strukturiere, welche Parameter ich messe, welche Fehler ich vermeide und wie du das Training progressiv gestaltest.
Warum Watt und nicht nur Tempo?
Tempo ist abhängig von Gelände, Wind, Tagesform und Schuhwahl. Watt liefert eine direktere Messung der mechanischen Arbeit und ist damit stabiler für die Steuerung intensiver Intervalle. Besonders wenn du an Kadenz arbeiten willst, ist Watt hilfreich: du kannst eine Leistungsvorgabe vorgeben und variieren, wie du sie mit Schrittfrequenz und Schrittlänge erreichst. So trainierst du effizienter die neuromuskuläre Kontrolle und die anaerobe Kapazität (W′).
Wichtige Konzepte kurz erklärt
FTP / CP / Critical Power: Referenzwert für Schwellenarbeit. Viele Läufer nutzen eine funktionelle Schwellenleistung (FTP) oder CP, um Zonen zu definieren.W′ (anaerobe Kapazität): Energiespeicher, den du über maximal intensive Belastungen entleerst. Du kannst W′ per Stryd/Analyse-Tools einschätzen.Kraft/Kadenz-Verhältnis: Bei gleicher Wattzahl kannst du mit hoher Kadenz und geringerer Bodenkontaktzeit oder mit niedriger Kadenz und großer Schrittlänge laufen. Ersteres verbessert Ökonomie und Schnelligkeit.Wie ich Wattintervalle so dosiere, dass Kadenz und W′ steigen
Das Ziel ist ein doppelter Stimulus: kurze, sehr intensive Belastungen, um W′ zu erweitern, kombiniert mit einer expliziten Kadenzvorgabe in den Wiederherstellungsphasen und in längeren Wiederholungen, um neuromuskulär auf höhere Schrittfrequenzen zu konditionieren.
Meine Grundprinzipien:
Intensität individualisieren: Arbeite mit Prozenten deiner FTP/CP. Ohne exakte FTP nutze beste 5–10‑min‑Werte oder die Stryd‑Leistungsschätzung.Dauer und Erholung steuern W′: Kürzere, heißere Intervalle (10–30 s) entleeren W′ stark und trainieren Spitzleistung; längere Intervalle (60–120 s) arbeiten an der Toleranz und Wiederherstellung von W′.Kadenz explizit trainieren: Setze konkrete Zielwerte (z. B. +6–10 Schritte/min über deiner normalen Trainingskadenz) und nutze akustische/visuelle Hinweise (Garmin‑Cadence Alerts, Stryd Live Daten).Progression: Erhöhe entweder die Anzahl der Wiederholungen, die Intensität (Watt) oder reduziere die Erholungszeit – aber nie alle gleichzeitig.Praktische Sessions — Beispiele
Hier zwei Grundbausteine, die sich kombinieren lassen. Die Wattangaben beziehen sich auf %FTP/CP.
| Satz | Watt | Dauer | Erholung | Ziel Kadenz |
|---|
| Neuromuskel‑Power (Kurz) | 150–200% FTP (maximal) | 10–20 s | 2–3 min | +8–12 spm |
| W′‑Ausdauer (Mittel) | 120–130% FTP | 60–90 s | 3–4 min | +6–8 spm |
| Tempo‑Intervall (Länger) | 95–105% FTP | 6–12 min | 3–6 min | +4–6 spm |
Beispiel-Session 1 (Fokus W′ und Kadenz): Aufwärmen 20 min, dann 8×20 s maximaler Sprint bei 150–200% FTP mit 2,5 min Trabpause; in den Sprints gezielt hohe Kadenz, in den Pausen bewusst locker mit erhöhter Kadenz zurückkehren. Abwerfen: Cooldown 15–20 min.
Beispiel-Session 2 (Kombiniert): Aufwärmen 25 min, 4×90 s bei 125% FTP mit 4 min Erholung, danach 6×30 s bei 160% FTP mit 2 min Erholung. In allen Belastungen Zielkadenz +6–8 spm. Abschluss 15 min locker.
Wie ich die Kadenz wirklich erhöhe — praktische Tipps
Kurz und häufig: Kadenzarbeit reagiert am besten auf kurzen, explosiven Reizen. 15–30 s Sprints mit Fokus auf schnelles Beinfrequenztraining sind Gold wert.Bewusste Erholung: In den Pausen nicht einfach laufen lassen: halte eine leicht erhöhte Kadenz, so verknüpft das Nervensystem die höhere Frequenz mit submaximaler Belastung.Cadence‑Metronom: Nutze die Metronom‑Funktion deiner Uhr oder Apps wie Runkeeper mit Cadence‑Alerts. Das nimmt die Interpretationsarbeit ab.Technikdrills: A‑Skips, hohe Frequenzläufe, kurze „fast feet“-Drills integriere ich regelmäßig vor intensiven Serien.W′‑Management: wie viele Wiederholungen sind sinnvoll?
W′ ist begrenzt – entleerst du ihn komplett bei jedem Intervall, leidet die Qualität späterer Wiederholungen. Deshalb:
Bei maximalen Sprints (10–20 s) plane 6–10 Wiederholungen mit vollständiger Erholung, so dass die Leistung auf hohem Niveau bleibt.Bei 60–90 s Intervallen arbeite mit 3–6 Wiederholungen; hier ist die Erholung länger, du wirst W′ nicht vollständig wieder aufladen können, was die Trainingswirkung für die Toleranz erhöht.Verwende Tools wie Stryd Power Center oder Golden Cheetah, um Verlauf von W′ und Leistung zu analysieren. Beobachte, ob du die Power in späteren Wiederholungen noch erreichst – wenn nicht, verlängere Erholung oder reduziere Intensität.Messung und Feedback
Power‑Smoothing: Nutze kurze Glättungsfenster (1–3 s) für Intervalle, damit Spitzen nicht zu stark verwischt werden.Cadence‑Tracking: Protokolliere durchschnittliche und maximale Kadenz jeder Wiederholung. Schau nach Trends: steigt die durchschnittliche Kadenz über Wochen?W′‑Abnahme: Überwache, wie schnell W′ innerhalb einer Session abbaut. Ein langsamerer Abbau über Wochen zeigt Verbesserung der anaeroben Kapazität.Fehler, die ich gelernt habe zu vermeiden
Zu hohe Intensität in frühen Wiederholungen, so dass die späteren Intervalle qualitativ schlecht werden.Keine Vorgabe für Kadenz in Erholungsphasen – ohne diese bleibt die Anpassung aus.Zu schnelle Progression: Intensität, Wiederholungszahl und reduzierte Erholung nicht gleichzeitig erhöhen.Ignorieren von Ermüdungszeichen: Verletzungsrisiko steigt, wenn Technik in Sprints leidet (Überstreckung, zu harter Aufsatz).Langfristige Progression — wie ich steuere
Ich messe Fortschritt in drei Variablen: höhere maximale Wattwerte (kurz), geringere W′‑Abbaurate (mittelfristig) und höhere durchschnittliche Kadenz bei gleicher Wattleistung (technik). Jede 3–4 Wochen erhöhe ich entweder die Anzahl der kurzen Sprints um 1–2, die Intensität um 3–5%, oder reduziere Erholung minimal. Danach folgt eine Regenerationswoche.
Tools, die ich empfehle
Stryd: Sehr hilfreich für Lauf‑Watt, Schrittlänge und Bodenkontaktzeit.Garmin / Polar / Coros: Für Live‑Cadence Alerts und einfache Programmierung von Intervallen.TrainingPeaks / WKO / Golden Cheetah: Zur Analyse von W′, Leistungsprofilen und Fortschritten.Wenn du willst, erstelle ich dir einen 6‑wöchigen Mikroplan, basierend auf deiner aktuellen FTP/CP und deiner normalen Kadenz. Schreib mir dazu deine aktuellen Werte und 1–2 Ziele (z. B. 5 spm mehr bei 10 km oder +10% W′). Ich helfe dir, die Intensitäten passend zu setzen und die Sessions im Wochenplan einzubauen.